Was lernen Siemens-Belegschaftsaktionäre
aus Mannesmann/Vodafone

Informationsbrief 2 an die Belegschaftsaktionäre der Siemens AG zur Siemens HV am 24.2.2000

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, was lernen wir aus den Vorgängen um Mannesmann/Vodafone?

Mag der Aktienkurs noch so hoch steigen, für uns sind ein sicherer Arbeitsplatz mit zukunftsfähiger Perspektive und der Bestand der Firma das Wichtigste. Der Aktienkurs kann gar nicht so hoch steigen, daß es auf dem globalisierten Kapitalmarkt nicht einen Konkurrenten gäbe, der mit Hilfe von Investmentbanken auch Siemens feindlich übernehmen könnte. Was nicht gebraucht wird, nicht in das Portolio paßt, wird dann verkauft oder an die Börse gebracht. Davor gibt es nur einen Schutz, nämlich, daß wichtige Aktionärsgrupppen zur bedrohten Firma halten. Auf Banken und Fonds ist da kein Verlaß (siehe Übernahme von Mannesmann durch Vodafone, die Zerschlagung der Höchst AG, die Vorgänge bei der Fusion von Thyssen und Krupp).

Bei Siemens gibt es nur zwei Gruppen, die am der Bestand der Firma echtes Interesse haben, nämlich

Nur wenn diese beiden Gruppen zusammen zumindest mehr als 25% des Aktienkapitals haben (Sperrminorität für wichtige Entscheidungen) und behalten, kann die Belegschaft einigermaßen sicher sein, nicht auch eines Tages feindlich übernommen zu werden.

Die Finanzmärkte haben bereits erreicht, daß die Bereiche Halbleiter / EC / passive Bauelemente ausgegliedert wurden. Wir sind nach wie vor der Auffassung, daß hier eine Ausgliederung in Form von Tochtergesellschaften eine für den Konzern und die Mitarbeiter bessere Lösung gewesen wäre. Bei dem zyklischen Bauelementegeschäft wäre dann den Beschäftigten dieser Bereiche bei wieder notwendigen Personalanpassungen die Möglichkeit geblieben, innerhalb des Konzerns wieder einen Arbeitsplatz zu finden.

Mit ihrer Forderung nach weiteren Ausgliederungen wollen die Analysten den Druck auf die Firma und ihre Belegschaft verstärken. Auch die Renditeansprüche werden weiter nach oben gesetzt. Längst zählt eine Eigenkapitalrendite von 15% zum absoluten Minimum. Dem angloamerikanischen Turbokapitalsmus geht es vor allem darum, die Stillen Reserven in den europäischen Unternehmen der Aktienspekulation zu erschließen. Aufgrund der guten Ertragslage kann der Vorstand den Forderungen der Analysten, Fonds und Banken nach Verkauf ganzer Arbeitsgebiete vorerst widerstehen. Dies würde sich bei einer Verschlechterung der Ertragslage schnell ändern. Dann zählen Bereiche wie Medizin (Med), Produktion / Logistik (PL), Verkehrstechnik (VT) und Osram ... sehr schnell zu Verkaufskandidaten. Viele Analysten fordern, Siemens solle sich nur noch auf die Arbeitsgebiete Kommunikation und Automatisierung beschränken. Als worst case droht auch eine "feindlich - freundliche" Übernahme (wie bei Mannesmann). Diese Möglichkeit ist nicht akut, aber jederzeit real.

Unsere Antwort auf die Bedrohung ist:

          gez. M. Meiler gez. W. Niemann

"Wir beantragen zum Tagesordnungspunkt Entlastung des Aufsichtsrats namens des Vereins "Belegschaftsaktionäre, Unsere Aktien e.V.": "Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet".

Begründung: Der Aufsichtsrat übt seine Rechte nur unzureichend aus, da er die ihm aus § 111 AktG sowie § 13 der Satzung der Siemens AG zustehenden Möglichkeiten zur Einflußnahme auf die Geschäftsführung nicht nutzt. Deshalb wird er bei grundsätzlichen Unternehmensentscheidungen (z.B. Ausgliederung / Verkauf von Unternehmensbereichen, Standortentscheidungen etc.) nur nachträglich informiert. Er übt damit keinerlei Einfluß auf wichtige Entscheidungen aus und nimmt so seine Kontrollfunktion nur unzureichend wahr. Insbesondere versäumt er damit, vermeidbare negative Auswirkungen auf die Situation der Belegschaft zu verhindern.

Zu 3) Vor allem auch dank des Einsatzes der Belegschaft wurden die Managementfehler des GJ 97/98 korrigiert und Siemens wieder auf Erfolgskurs gebracht. Die Eigenkapitalrendite beträgt für das Geschäftsjahr 1998/99 11,4%. Im G-Jahr 2000/2001 soll die Eigenkapitalverzinsung 15% erreichen. Erstmals wurde für das GJ 98/99 die Erfolgsbeteiligung von der Dividendenausschüttung entkoppelt. Mit der Abkopplung der Mitarbeiter-Beteiligung von der Dividende wird der Belegschaftsanteil am Unternehmenserfolg weiter geschmälert. Es gibt keinen Grund, den Einsatz der Belegschaft geringer zu honorieren als den des Kapitals. Auch das allgemeine Aktienangebot von nur 7 Aktien (damit lediglich Ausnutzung des Steuerfreibetrags für den geldwerten Vorteil) stellt keine echte Teilhabe an der Unternehmenswertsteigerung dar.

Wir beantragen zum Tagesordnungspunkt "Gewinnverwendung" namens des Vereins "Belegschaftsaktionäre, Unsere Aktien e.V.": "Der vorgeschlagenen Gewinnverwendung wird nicht zugestimmt."

Begründung: Es gibt keinen Grund, die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmenserfolg nicht im gleichen prozentualen Umfange anzuheben, wie die Dividende pro Aktie. Die enorme Gewinnsteigerung im Geschäftsjahr 1998/99 wurde schließlich nicht zuletzt durch den Einsatz der Mitarbeiter erreicht. Mit der Abkoppelung der Mitarbeiterbeteiligung von der Dividende wird der Belegschaftsanteil am Unternehmenserfolg weiter geschmälert.

 

Hinweis: Abtretung der Stimmrechte an den Siemens-Belegschaftsaktionärsverein: Wegen der Umstellung von Inhaber- auf Namensaktien werden Ihnen ab diesem Jahr direkt von der Siemens AG die Unterlagen zur HV zugestellt. Um Ihre Stimmrechte an den Siemens "Belegschaftsaktionärsverein" zu übertragen, verwenden Sie bitte das Formular 3 der an Sie von der Siemens AG versandten Unterlagen und senden diese direkt an den Siemens-Belegschaftsaktionärsverein. Wenn Sie uns keine Weisungen erteilen wollen, im Text (letzte Zeile) vor dem ersten Unterschriftsfeld die Worte "gemäß den erteilten Weisungen" durchstreichen, in jedem Falle jedoch in beiden Unterschriftsfeldern unbedingt unterschreiben (s. Muster unten; wenn Sie Weisungen erteilen wollen, auch den zweiten Teil ausfüllen, im Muster sehen Sie, wie wir abstimmen werden):

Musterstadt, den 15.2.2000 Werner Mustermann

Ort, Datum, Unterschrift

B E L E G S C H A F T S A K T I O N Ä R E   U n s e r e A k t i e n E . V .

Name des Kreditinstitutes oder der Aktionärsvereinigung

Punkte der Tagesordnung*

 

(Bitte nur mit schwarzem oder Blauem Stift innerhalb des Kästchens ¤ ankreuzen)

Für den Vorschlag der
Verwaltung
Gegen den Vorschlag
der Verwaltung
Enthaltung
2. Verwendung des Bilanzgewinns

¤

ý

¤

3. Entlastung des Vorstands

¤

¤

ý

4. Entlastung des Aufsichtsrats

¤

ý

¤

5. Bestellung des Abschlussprüfers

ý

¤

¤

6. Ermächtigung zum Erwerb eigener Aktien

ý

¤

¤

Musterstadt, den 15.2.2000 Werner Mustermann      
Ort, Datum, Unterschrift      

*Diesen Teil müssen Sie nur ausfüllen, wenn Sie abweichend von der von uns geplanten Stimmabgabe (s. Muster oben) zu den einzelnen Tagesordnungspunkten abstimmen wollen. Dies gilt auch, wenn Sie für bestimmte Anträge von Aktionären (s. Rückseite Formular 3) Weisungen erteilen wollen. Bitte jedoch in jedem Falle auch diesen Teil unterschreiben.

Das Original-Formular 3 bitte bis spätesens 18. Februar unterschrieben direkt senden an:

Belegschaftsaktionäre Unsere Aktien e.V., München, Grüntenstr. 12a, 80686 München

oder

Wolfgang Niemann, Betriebsrat, Siemens AG, Standort Mch H, Hofmannstr. 51, 81359 München