Informationsbrief

an die Belegschaftsaktionäre

 

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Börse jubelt, eine 37%ige Gewinnsteigerung macht Siemens vom Buhmann der Börsen zu ihrem Liebling. Über die wirtschaftlichen Erfolge können wir uns alle freuen. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, daß ca. 2000 Mitarbeiter im Inland abgebaut und, daß viele Kollegen zu verschlechterten Bedingungen ausgegründet wurden.

Wir sollten auch nicht vergessen, daß unsere Interessen nicht identisch sind mit denen der Vertreter der großen Fonds und Analysten. Der langfristige Bestand des Unternehmens und schon gar nicht die Interessen der Belegschaft spielen für diese irgendeine Rolle. Mag der Aktienkurs noch so hoch steigen, für uns ist ein sicherer Arbeitsplatz mit zukunftsfähiger Perspektive das Wichtigste. Gerade hier haben wir berechtigte Zweifel.

Mit der Globalisierung der Kapitalmärkte wurde die Steigerung des Unternehmenswertes, (des sogenannten Shareholder Value) zum obersten Ziel allen wirtschaftlichen Handelns erklärt. Mehr und mehr folgt auch der Siemenskonzern uneingeschränkt diesen Prinzipen: Siemens will sich nur auf ganz wenige Gebiete konzentrieren, räumt Kapitalinteressen den absoluten Vorrang ein. Diese Politik halten wir für falsch, auch wenn die derzeitige Entwicklung des Börsenkurses ihr scheinbar recht gibt. Dabei geht es letztlich um folgende Fragen:

  1. Wird der Siemenskonzern in seiner Substanz erhalten, also wird es grundsätzlich weiter die 6 bestehenden Arbeitsgebiete geben?
  2. Wie wird der permanente Umstrukturierungsprozeß sozialverträglich gestaltet; wie werden Belegschaftsinteressen berücksichtigt?
  3. Wird die Belegschaft am gemeinsamen Erfolg und der Unternehmenswertsteigerung angemessen beteiligt?

Zu 1)
Nachdem die Finanzmärkte erreicht haben, daß die Bereiche Halbleiter / EC / passive Bauelemente ausgegliedert wurden, fordern sie, daß weitere Arbeitsgebiete abgegeben werden, z.B. die Bereiche Medizin, Licht und Verkehr. Damit soll der Druck auf die Firma und ihre Belegschaft verstärkt werden. Auch die Renditeansprüche werden weiter nach oben gesetzt. Längst zählt eine Eigenkapitalrendite von 15% zum absoluten Minimum. Der Aktienkurs ist offensichtlich das Maß aller Dinge.

Wer nicht will, daß die Mitarbeiterinteressen total dem Shareholder Value geopfert werden, den bitten wir um Unterstützung. Die Hauptversammlung gibt uns das Forum, die Belegschaftsinteressen nachhaltig zu vertreten. Wir haben große Zweifel, daß der Vorstand sowohl überzogenen Renditeansprüchen als auch dem Verlangen nach der Aufgabe ganzer Arbeitsgebiete widersteht.

Wir werden uns daher dieses Mal bei der Entlastung des Vorstandes der Stimme enthalten und eine deutliche Kurskorrektur anmahnen, denn wir wollen eine gleichgewichtige Berücksichtigung von Belegschaftsinteressen.

Zu 2)
Wesentliche Umstrukturierungen wurden sozialverträglich abgewickelt. In vielen Fällen kam es aber auch zu erheblichen Nachteilen für die Mitarbeiter bis zu Kündigungen, wie z.B. bei dem Verkauf / Betriebsübergang von EC an die Firma Tyco oder vielfach zu mittelfristigen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen. Davon kann morgen schon jeder von uns betroffen sein. Wir unterstützen deshalb nachdrücklich auch die Forderung nach einer Rahmenvereinbarung, in der für einen definierten Zeitraum die verkauften und ausgegründeten Belegschaften eine über die gesetzlichen Festlegungen hinausgehende Bestandsgarantie erhalten. Langjährige Mitarbeiter dürfen nicht zum Objekt in einem Monopoly-Spiel werden. Es darf nicht dem beliebigen Urteil der Kapitalmärkte überlassen werden, was als Kernkompetenz angesehen wird. Die Interessen der Belegschaft müssen durch deren Vertreter im Aufsichtsrat (AR) angemessen berücksichtigt und in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Daran werden diese im AR gehindert, da die Kapitalseite die Anwendung des § 111 AktG nicht zuläßt. Danach könnte der AR die Durchführung von bestimmten Geschäften von seiner Zustimmung abhängig machen.

"Wir beantragen zum Tagesordnungspunkt Entlastung des Aufsichtsrats namens des Vereins "Belegschaftsaktionäre, Unsere Aktien e.V.": "Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet".

Begründung: Der Aufsichtsrat übt seine Rechte nur unzureichend aus, da er die ihm aus § 111 AktG sowie § 13 der Satzung der Siemens AG zustehenden Möglichkeiten zur Einflußnahme auf die Geschäftsführung nicht nutzt. Deshalb wird er bei grundsätzlichen Unternehmensentscheidungen (z.B. Ausgliederung / Verkauf von Unternehmensbereichen, Standortentscheidungen etc.) nur nachträglich informiert. Er übt damit keinerlei Einfluß auf wichtige Entscheidungen aus und nimmt so seine Kontrollfunktion nur unzureichend wahr. Insbesondere versäumt er damit, vermeidbare negative Auswirkungen auf die Situation der Belegschaft zu verhindern.

Zu 3)
Vor allem auch dank des Einsatzes der Belegschaft wurden die Managementfehler des GJ 97/98 korrigiert und Siemens wieder auf Erfolgskurs gebracht. Die Eigenkapitalrendite beträgt für das Geschäftsjahr 1998/99 11,4%. Im G-Jahr 2000/2001 soll die Eigenkapitalverzinsung 15% erreichen. Erstmals wurde für das GJ 98/99 die Erfolgsbeteiligung von der Dividendenausschüttung entkoppelt. Mit der Abkopplung der Mitarbeiter-Beteiligung von der Dividende wird der Belegschaftsanteil am Unternehmenserfolg weiter geschmälert. Es gibt keinen Grund, den Einsatz der Belegschaft geringer zu honorieren als den des Kapitals. Auch das allgemeine Aktienangebot von nur 7 Aktien (damit lediglich Ausnutzung des Steuerfreibetrags für den geldwerten Vorteil) stellt keine echte Teilhabe an der Unternehmenswertsteigerung dar.

Wir beantragen zum Tagesordnungspunkt "Gewinnverwendung" namens des Vereins "Belegschaftsaktionäre, Unsere Aktien e.V.": "Der vorgeschlagenen Gewinnverwendung wird nicht zugestimmt."

Begründung: Es gibt keinen Grund, die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmenserfolg nicht im gleichen prozentualen Umfange anzuheben, wie die Dividende pro Aktie. Die enorme Gewinnsteigerung im Geschäftsjahr 1998/99 wurde schließlich nicht zuletzt durch den Einsatz der Mitarbeiter erreicht. Mit der Abkoppelung der Mitarbeiterbeteiligung von der Dividende wird der Belegschaftsanteil am Unternehmenserfolg weiter geschmälert.


 

Hinweis: Abtretung der Stimmrechte an den Siemens-Belegschaftsaktionärsverein: Wegen der Umstellung von Inhaber- auf Namensaktien werden Ihnen ab diesem Jahr direkt von der Siemens AG die Unterlagen zur HV zugestellt. Um Ihre Stimmrechte an den Siemens "Belegschaftsaktionärsverein" zu übertragen, verwenden Sie bitte das Formular 3 der an Sie von der Siemens AG versandten Unterlagen und senden diese direkt an den Siemens-Belegschaftsaktionärsverein. Wenn Sie uns keine Weisungen erteilen wollen, im Text (letzte Zeile) vor dem ersten Unterschriftsfeld die Worte "gemäß den erteilten Weisungen" durchstreichen, in jedem Falle jedoch in beiden Unterschriftsfeldern unbedingt unterschreiben (s. Muster unten; wenn Sie Weisungen erteilen wollen, auch den zweiten Teil ausfüllen, im Muster sehen Sie, wie wir abstimmen werden):

Musterstadt, den 15.2.2000 Werner Mustermann

Ort, Datum, Unterschrift

B E L E G S C H A F T S A K T I O N Ä R E   U n s e r e A k t i e n E . V .

Name des Kreditinstitutes oder der Aktionärsvereinigung

Punkte der Tagesordnung*

 

(Bitte nur mit schwarzem oder Blauem Stift innerhalb des Kästchens ¤ ankreuzen)

Für den Vorschlag der
Verwaltung
Gegen den Vorschlag
der Verwaltung
Enthaltung
2. Verwendung des Bilanzgewinns

¤

ý

¤

3. Entlastung des Vorstands

¤

¤

ý

4. Entlastung des Aufsichtsrats

¤

ý

¤

5. Bestellung des Abschlussprüfers

ý

¤

¤

6. Ermächtigung zum Erwerb eigener Aktien

ý

¤

¤

Musterstadt, den 15.2.2000 Werner Mustermann      
Ort, Datum, Unterschrift      

*Diesen Teil müssen Sie nur ausfüllen, wenn Sie abweichend von der von uns geplanten Stimmabgabe (s. Muster oben) zu den einzelnen Tagesordnungspunkten abstimmen wollen. Dies gilt auch, wenn Sie für bestimmte Anträge von Aktionären (s. Rückseite Formular 3) Weisungen erteilen wollen. Bitte jedoch in jedem Falle auch diesen Teil unterschreiben.

Das Original-Formular 3 bitte bis spätesens 18. Februar unterschrieben direkt senden an:

Belegschaftsaktionäre Unsere Aktien e.V., München, Grüntenstr. 12a, 80686 München

oder

Wolfgang Niemann, Betriebsrat, Siemens AG, Standort Mch H, Hofmannstr. 51, 81359 München

Kollegen und Kolleginnen, die nach wie vor Inhaberaktien besitzen, können wie bisher unter Verwendung der Formulare der Banken (Abtretung an Dritte) ihre Stimmrechte an uns abtreten.

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